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Wege in die Räumlichkeit...

Nachdem vor über 100 Jahren der Traum der Konservierung der bis dahin stets flüchtigen Worte und Töne Wirklichkeit geworden war, strebten viele kluge Köpfe, neben der Verbesserung der Klangqualität, nach Aufzeichnung und Widergabe der Räumlichkeit von Schallereignissen.

Schon früh keimte die Idee der mehrkanaligen Schallübertragung.
Die ersten Zweikanalübertragungen fanden mangels geeigneter Aufzeichnungstechnik live zwischen zwei Räumen bzw. über zwei getrennte Rundfunksender statt. Um die Rundfunk-Übertragung zweikanalig hören zu können, benötigte man zwei Radiogeräte, die auf die entsprechenden Sender abgestimmt werden mussten. Da in den 1930er Jahren kaum jemand zwei Radios besass, hatte das eher experimentellen Charakter. Der Beweis der Machbarkeit war jedoch damit erbracht.

Bis die Stereotechnik Ende der 1950er Jahre in die privaten Wohnstuben langsam ihren Einzug hielt, hatte man sich mit Pseudo-Raumklang-Systemen beholfen. Dazu baute man in Mono-Radiogeräte und -Musikschränke mehrere Lautsprecher ein, die den Schall - oft nach Frequenzbereichen getrennt - in mehrere Richtungen abstrahlten. Das verteilte den Klang zwar besser im Raum, hatte aber mit Stereophonie nichts zu tun.

Stereo kam dann zunächst über die Schallplatte zu den Hörern. Auf einer Decca-Schallplatte aus den frühen 1960er Jahren fand ich zum Thema nun folgenden Text, ich zitiere:

"Seit Einführung der Stereo-Schallplatte 1958 hat sich die Aufnahmetechnik geradezu sensationell entwickelt.

PHASE 1 STEREO: Aufführungsgetreue Realität. Auf dieser Entwicklungsstufe (1958 bis 1961) sollten die Stereo-Aufnahmen die Illusion einer echten Bühnenaufführung erwecken. Die Instrumente des Orchesters verbleiben In der Position - nach Klanggruppen gestaffelt -, in der man sie auf dem Podium hört. Für den Schallplatlenhörer bedeutet das, daß lebensechte und ortbare Töne auf dem imaginären Podium zwischen den beiden Lautsprechern erzeugt werden. Größere räumliche Tiefe, Durchsichtigkeit des Klangbildes, innere Ausgewogenheit und nicht zuletzt die stärkere Ausdehnung der Schallquellen ergaben im Zusammenwirken eine überlegene, lebensechte Klangqualität. Als die DECCA die erste Stereo-Schallplatte herstellte, hatte sie bereits Jahre der Entwicklung und Verbesserung hinter sich. Das Resultat war, daß der Klang einer Konzertsaalauftührung näher kam, als man es je zuvor gehört hatte.

PHASE 2 STEREO: Aufteilung des Klanges. Auf dieser Entwicklungsstufe (1959-1961) bewiesen die Stereo-Aufnahmen, daß man ein Orchester In 2 Hälften zerlegen konnte, daß die Stimmen ganz links erklingen konnten, während das Orchester ganz rechts erschien und daß es möglich war, Töne gleichzeitig rechts und links ohne ein Loch in der Mitte wiederzugeben. Wie bei allen technischen Fortschritten war es nur eine Frage der Zeit, bis sich das Interesse der Techniker all den Möglichkeiten zuwandte, die in dieser Art der Wiedergabe lagen. Töne aus zwei Lautsprechern boten unzählige Gelegenheiten zu Nebeneinander und Trennung der Klangebenen. Ein Feuerwerk von Vielseitigkeit schloß sich an, Bongos sprangen vom linken zum rechten Lautsprecher, Saxophone antworteten, fern und nah zwischen den Lautsprechern.

PHASE 3 STEREO: Klänge in Bewegung. In diesem Abschnitt (1961) wurde demonstriert, daß die ganze Gruppe eines Orchesters oder ein einzelnes Instrument mit wechselnder Schnelligkeit rein elektronisch bewegt werden konnte, von einem Lautsprecher zum anderen und zurück. Die Zuhörer konnten den Klängen folgen, ohne daß die Musiker ihren Platz zu wechseln brauchten. Das wichtigste waren die Klänge in Bewegung. Bei bestimmten Opem, Dramen oder musikalischen Komödien konnte man die Stimmen der Darsteller sogar über die Bühne verfolgen, wie bei einer echten Theateraufführung.

PHASE 4 STEREO: Im Arrangement berücksichtigte Anwendung von Trennung und Klängen in Bewegung. In dieser Phase (1962) wird nun bereits die Musik daraufhin arrangiert, daß Instrumente so erscheinen, wie sie von der Partitur her in jedem Takt gewünscht werden. Bewegung und Richtung werden benutzt, um die musikalischen Feinheiten des Klanges hervorzuheben. Das Ergebnis ist: stärkere Differenzierung des Klanges, mehr Unterhaltung, mehr Freude beim Zuhören: Phase 4 Stereo ist keine Hintergrundmusik. Phase 4 Stereo läßt Sie am musikalischen Geschehen teilhaben. Die technische Voraussetzung für diese neue Aufnahmemethode wurde durch die neue DECCA-Mehrspur-Aufnahmetechnik gegeben. Zum erstenmal hat der Arrangeur alle technischen Voraussetzungen in der Hand, um den Hörer auf anspruchsvolle Art zu unterhalten. Der Arrangeur, der bis jetzt gewöhnt war, sich auf gewöhnlichem zweidimensionalem Notenpapier auszudrücken, muß nun die Klänge, die in seiner Vorstellung existieren, auf die weitere Dimension, die die Stereo-Wiedergabe bietet, beziehen. Mit den Partituren in der Hand müssen sich nun Arrangeur, Produzent, Künstler und Tonmeister in den Gesamtkomplex vertiefen bis sie überzeugt sind, daß alle fühlen und hören können, was der Arrangeur beabsichtigt hatte. Durch eine komplizierte Anordnung von Mikrophonen, Schaltern und Reglern wird die Vorstellung des Arrangeurs vom musikalischen Gesamtkonzept mit Hilfe des Tonmeisters auf dem Mehrspur-Band verwirklicht und festgehalten. Die auf dem Band aufgezeichnete Musik wird nun weiter bearbeitet, nicht allein vom Tonmeister, sondern entscheidend auch von der ganzen Produktionsgruppe, bis die Platte so vorliegt, wie der Arrangeur sie sich vorgestellt hat. Die auf dem Mehrspur-Band aufgespeicherte Musik wird sorgfältig zu einem zweikanaligen Tonband zusammengemischt, bis sie den Zuhörer auf seinem Stereo-Plattenspieler erreicht und ihm ein neues Klangerlebnis vermittelt."
Zitat Ende.

Die in dem Decca-Text dargestellten Phasen lassen sich tatsächlich auf den entsprechenden Schallplatten wiederfinden.
Es verbergen sich wahre Schätze in den Stereo-Schallplatten der ersten Generation.
Hervorragende räumliche Darstellung und sehr gute Klangqualität zeichnen diese Tonträger aus.
Das Bestreben, höchste Qualität zu erzielen, hört man eindeutig heraus.
Wohl dem, der noch brauchbare Exemplare davon findet.

Die nächsten Phasen bieten dann teilweise - nun sagen wir mal - sehr gewöhnungsbedürftige Klangdarstellungen.
Hier wurde sehr viel mit der elektronischen Links/Rechts Verteilung von Instrumenten und Stimmen experimentiert.
Nicht immer zum Vorteil des Klangbildes.
Häufig wurden einzelne Instrumente bzw. Stimmen ausschliesslich einem Stereo-Kanal zugeordnet, die anderen ausschliesslich dem anderen Kanal.
Dadurch zerfällt das räumliche Klangbild völlig.
Solche Aufnahmen lassen sich oftmals besser in Mono anhören.
Zwar lassen sich durch die Mehrspur-Aufnahmetechnik die einzelnen Instrumente optimal aufnehmen (Mikrofonierung, Aussteuerung etc). Das ist eindeutig ein Vorteil. Aber es geht ein Teil der räumlichen Darstellung verloren, da beim Zusammenmischen auf die zwei Stereo-Kanäle die Positionierung im Links-Rechts-Panorama ausschliesslich über die Signalamplitude (sprich: Lautstärkeverhältnis) erfolgt, wohingegen die unterschiedlichen Schallaufzeiten - entsprechend dem damaligen Stand der Technik - völlig unberücksichtigt blieben. Die Verteilung bleibt zweidimensional - es fehlt die Raumtiefe.

Zur Ehrenrettung der damaligen Tontechniker muss man diese Betrachtungen allerdings in den richtigen zeitlichen Kontext versetzen.
Deshalb wäre noch folgendes zu ergänzen:
Erstens: Musikalische Aspekte.
Die musikalische Entwicklung brachte in den 1950/60er Jahren neben der konzertanten Aufführung klassischen Repertoires völlig neue Musik-Genres hervor.
Diese nutzten die neuen Aufnahmemöglichkeiten konsequent als kompositorisches Stilmittel. Die naturgetreue Räumlichkeit tritt hier zunehmend in den Hintergrund und macht den Weg frei für berauschende Klangeffekte. Als Beispiel sei hier der Titel "In a Gadda da Vida" der Gruppe Iron Butterfly wärmstens empfohlen. Über Kopfhörer oder gute Breitbandlautsprecher genossen, stellen sich bald seltsam berauschende Gefühle ein, die auch den eingefleischten Nichtraucher eine leichte Andeutung dessen spüren lassen, was man damals mit dem Konsum illegalen Räucherwerks beabsichtigte...
Zweitens: Technische Aspekte
Man muss sich einmal vor Augen führen, welche Geräte dem Hörer zum Zeitpunkt der Einführung der Stereo-Schallplatte zur Verfügung standen. Es gab zwar hochwertige Stereoverstärker und Lautsprecher, aber die konnte oder wollte sich kaum jemand leisten. Die Regel waren Mono-Röhrenradios aus den 1950er Jahren, die ein kleines Vermögen gekostet hatten und deshalb nicht einfach weggegeben wurden. Um trotzdem irgendwie Stereo hören zu können, wurde ein Stereo-Plattenspieler mit eingebautem Verstärker und Lautsprecher hinzugekauft und die beiden ungleichen Gesellen zu einer "Stereo-Anlage" zusammengestückelt. Wer sich ein neues Radio leisten konnte, kaufte sich ein "Stereo"-Gerät, welches zwar noch nicht den Rundfunk in Stereo empfangen konnte (das kam erst ab ca. 1963), wohl aber einen Zweikanalverstärker und mindestens zwei getrennte Lautsprecher hatte. Daran liess sich ein Stereo-Plattenspieler anschliessen. Damit war die Wiedergabe schon etwas besser. Weit verbreitet waren auch Stereo-Musikschränke mit eingebautem Plattenspieler. Diese Geräte hatten aber nun allesamt den Nachteil, dass die beiden Lautsprecher räumlich sehr dicht bei einander liegen. Entfernt man sich weiter als ein bis zwei Meter vom Gerät, ist der Stereo-Effekt praktisch schon nicht mehr wahrnehmbar. Das ist natürlich kein gutes Verkaufsargument. Wie soll man seinen Nachbarn neidisch machen, wenn der gar nicht merkt, was der Unterschied zwischen der "alten" und der "neuen" Technik ist ?!? Hierbei konnten dann trefflich die Schallplatten mit der extremen Links-Rechts-Aufteilung helfen. Wenn die Frauenstimme nur links aus dem Gerät kam, die Trompete aber nur rechts - nun, das hörte auch der fast taube Opa von nebenan.
Und so wurde schon damals die neue "Software" die beste Verkaufshilfe für neue "Hardware".

Ein paar "Phasen" weiter hatte jeder seine transistorisierte Stereoanlage. Die Prioritäten der Schallaufzeichnung verschoben sich abermals. Diesmal in Richtung Kostenreduzierung und bestmögliche Platzausnutzung auf der Platte. Beides hat der Klanqualität nicht gut getan. Teilweise stark reduzierte Dynamik sowie Beschneidung der tiefen Frequenzen. Man hört dies auf vielen Schallplatten der 1970/80er Jahre.
Eine interessante Entwicklung der 1970er Jahre war die Quadrophonie. Hier wurde der Schall über vier Kanäle im Raum verteilt. Vorne die zwei herkömmlichen Stereokanäle. Hinten zwei zusätzliche Kanäle zur Vermittlung eines raumtiefen Klanges. Die hinteren Kanäle wurden dem Stereosignal mit Hilfe des Trägerfrequenzverfahrens hinzugefügt. Quadrophonietaugliche Geräte hatten einen speziellen Decoder an Bord, der diese im Signal verborgenen Informationen hörbar machte. Es gab Quadrophonie Rundfunkübertragungen sowie spezielle Schallplatten. Das System hat sich aber nicht durchgesetzt und war bald wieder von der Bildfläche verschwunden.

Die nächste Phase war die Einführung der CD in den 1980er Jahren. Aller Unkenrufe zum Trotz, war dies eine enorme Qualitätssteigerung. Sicherlich hat auch die CD Nachteile (Eingeschränkter Frequenzbereich, Quantisierungsrauschen....), aber im Vergleich zur durchschnittlichen Schallplatte aus dieser Zeit ist die Qualität erheblich besser. Man muss schon einen enormen apparativen Aufwand treiben und sehr hochwertige Schallplatten finden, wenn man die Klangqualität einer CD übertreffen will. Es ist dennoch möglich, insbesondere weil viele CDs ebenfalls aus Kostengründen nicht optimal produziert werden.

Mit Einführung des Computers in die Musikproduktion schliesslich, ist alles möglich geworden.
Die Grenzen zwischen Musikinstrument und Aufnahmetechnik sind verschwunden.
Mithilfe eines leistungsfähigen Rechners nebst entsprechender Software kann ein fähiger Produzent Musikstücke völlig ohne tatsächliche Instrumente einspielen. Stimmen lassen sich "schönrechnen" und in Tonhöhe und Schnelligkeit völlig frei einstellen. Mit dieser Technik lassen sich sowohl Werbemusik und billigste Schlager zaubern, als auch ausgezeichnete Aufnahmen reeller Musik anfertigen. Die Schallquellen lassen sich über Amplitude und Zeit überall im virtuellen Schallraum plazieren. Es gibt praktisch keine akustischen Einschränkungen mehr.
Auch ist es nicht bei zwei Kanälen geblieben. Im Rahmen der Heimkinotechnik gibt es Geräte mit 5, 7 oder noch mehr Kanälen, die auch bewegte Schallereignisse realitätsgetreu in den Raum stellen.

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